
Belege · 5
Meine Masterarbeit an der KISD — Köln International School of Design der TH Köln untersucht, wie On-Demand-Dienstleistungsunternehmen den urbanen Raum tiefgreifend verändern. Auf der Grundlage designethnografischer Analysen in Köln erforscht sie neue Formen der algorithmischen Organisation, Kontrolle und Überwachung von städtischer Arbeit und Mobilität und verweist auf die prekären Lebens- und Arbeitsbedingungen von solo-selbstständigen Plattformtätigen. Darauf aufbauend skizziert sie die Umrisse einer entstehenden „city on demand”.
Die zunehmende Digitalisierung von Stadt und Gesellschaft führt zu grundlegenden Veränderungen des urbanen Raums. Immer mehr On-Demand-Dienstleistungsunternehmen — Lebensmittellieferung in zehn Minuten, Fahrdienste auf Abruf, E-Scooter im gesamten Stadtgebiet — operieren sowohl im physischen Gefüge als auch in der virtuellen Sphäre der Stadt und verändern so die Art und Weise, wie der urbane Raum wahrgenommen, genutzt und gestaltet wird. Die immer größer werdende Nachfrage und Verfügbarkeit von Waren und Dienstleistungen an beliebigen Orten und zu beliebigen Zeiten bestimmen zunehmend, wer in der Stadt arbeitet und wie die Arbeit verrichtet wird, wer sich in welcher Weise durch den öffentlichen Raum bewegt und welche Bereiche für wen zugänglich sind.
Die Infrastruktur, mit der diese Unternehmen in der Stadt arbeiten, wird dabei im Allgemeinen nicht als städtische Infrastruktur wahrgenommen: Lieferfahrzeuge gelten als temporäre Hindernisse, Lager, Wartepositionen und Routen verzeichnet die offizielle Geografie nicht. Wie eignen sich On-Demand-Dienstleistungsunternehmen den städtischen Raum an, wie beeinflussen sie ihn gleichermaßen physisch und virtuell, und wie verändern sie hierdurch Wahrnehmung und Konstitution von Stadt?
Diesen Fragen bin ich unter Zuhilfenahme von Mappingverfahren und (foto-)grafischen Analysen nachgegangen: Routen, Lagerstandorte, Wartepositionen und Bewegungsspuren werden über den Stadtplan gelegt, bis unter der offiziellen Geografie diejenige der Plattformen zum Vorschein kommt. Ein Straßenabschnitt wurde zudem in Serienbildern im Abstand von 60 Sekunden über einen Tag hinweg dokumentiert, um die Präsenz der Lieferfahrzeuge als bewegte städtische Infrastruktur lesbar zu machen.
Die Arbeit zeigt, dass On-Demand-Dienstleister den urbanen Raum zu einem integralen Bestandteil der eigenen Unternehmensinfrastruktur machen und dass das Erleben urbaner Wirklichkeiten in zunehmendem Maße von der Nutzung digitaler On-Demand-Angebote abhängt. Die Zugänglichkeit dieser Angebote ist eingeschränkt: Nur wer über die nötige Hard- und Software sowie genügend finanzielle Mittel verfügt, kann E-Scooter oder Lieferdienste in Anspruch nehmen. Gleichzeitig ziehen die Unternehmen großen Nutzen aus dem öffentlichen Raum und verwandeln ihn in eine exklusive Auslieferungs- und Distributionszone. Öffentlicher Raum wird zur Wertschöpfungsplattform umfunktioniert und existiert aus Sicht der Dienstleistungsunternehmen nur noch als eine Funktion der Zeit, die sie benötigen, um ihn zu durchfahren.
Die Arbeit mündet schließlich in der Frage nach widerständigen Praktiken gegen die zunehmende On-Demandisierung der Stadt und lotet Möglichkeiten einer teilhabe- und gemeinwohlorientierten Dienstleistungspolitik für die Stadt aus.
Entstanden ist die Arbeit als Abschluss meines Masterstudiums im Umfeld der Forschungsstelle Echtzeitstadt der KISD, betreut von Prof. Dr. Carolin Höfler und Prof. Dr. Lasse Scherffig in den Fachgebieten Designtheorie und -forschung sowie Interaction Design.
Gezeigt bei: KISD Parcours 2022 · German Design Award 2022 (Nominierung)