Beyond Boundaries
Aufsatz · TETI Journal n.1, On Transindustriality
Beyond Boundaries: A Phenomenological Exploration of Teleoperative Surgical Systems and the Exteriorisation of the Surgical Gesture
Mein Aufsatz für das TETI Journal ist eine phänomenologische Untersuchung der Exteriorisierung der chirurgischen Geste in teleoperativen Systemen: was mit der Geste geschieht, wenn sie die Hand verlässt, und wie daraus Nähe und Distanz gleichermaßen entstehen.
Der Text setzt mit einer Szene ein: Seit über dreißig Minuten steckt die Chirurgin kopfüber und mit beiden Händen im Bauchraum der Patientin, von innen dringen präzise Anweisungen nach außen. Tatsächlich befindet sich niemand im Körperinneren; in einem so ausgestatteten Operationssaal wird das Wort ›wirklich‹ jedoch zunehmend mehrdeutig.
Die Exteriorisierung der Geste ist nicht neu: André Leroi-Gourhan beschreibt sie an der Klingenproduktion des Jungpaläolithikums, in der das Werkzeug die Hand verlässt, um nach weiterer Bearbeitung als Satz neuer Werkzeuge zurückzukehren. Sie findet sich in den Waldos der Los-Alamos-Laboratorien der 1960er Jahre zur Handhabung radioaktiven Materials hinter einer Betonwand und in den SRI- und DARPA-Prototypen der 1980er und 1990er Jahre. In den Baggern der Carrara-Marmorbrüche lässt ein Vorarbeiter gewaltige Marmorplatten allein mit kleinsten Handzeichen aus der Wand lösen. In allen Fällen berührt nicht mehr die Hand selbst das Material; die Interaktion geht auf das letzte Glied einer Kette von Translations- und Transformationsschritten über, in der Robotik treffend end effector genannt.
Das Da-Vinci-Operationssystem® der Firma Intuitive Surgical, das aus diesen Prototypen hervorging, treibt die Verschiebung weiter und ersetzt die mechanische Kraftübertragung durch digitale Signalübertragung. Die Gestaltung der Konsole diktiert dabei die Körperhaltung: Sie zwingt die operierende Person in eine sitzende Position mit leicht gesenktem Kopf, sodass ihr Blick auf die eigenen Hände fiele, wenn das Display ihn nicht verdeckte. Daraus entsteht die propriozeptive Illusion, die eigenen Hände zu sehen, während tatsächlich ein Bildschirm betrachtet wird. Das System erzeugt so eine eigentümliche Ambivalenz aus kognitiver Übernähe und räumlicher Distanz: Aus der Perspektive der Operierenden findet der Eingriff nicht mehr an der Patientin statt, sondern in ihr.
Die Arbeit am Roboter ist damit ein kalkuliertes Spiel mit der Derealisierung der Umgebung und der Rückversicherung des Wirklichen — Derealisierung im Moment des Eintauchens, Rückversicherung im Moment des Wiederauftauchens. Dass Ferneingriffe mit diesen Systemen praktisch nicht durchgeführt werden, obwohl sie dafür entwickelt wurden, liegt vermutlich weniger an Latenz oder Rechtslage als an dieser kognitiven und räumlichen Wahrnehmung der Operierenden.
Die Szene beruht auf meiner teilnehmenden Beobachtung im Forschungsprojekt Robotic Operations; die Überlagerung von Hand- und Instrumentenbewegungen, die der Aufsatz beschreibt, geht auf meine Bachelorarbeit Screen Spaces zurück. Beides führt der Text mit dem Thema des Hefts zusammen: Transindustrialität als fortlaufende Zirkulation zwischen industriellen, technologischen und kulturellen Mutationen.
Erschienen im November 2024 in der ersten Ausgabe des TETI Journal, On Transindustriality, herausgegeben von Anne-Laure Franchette, Gabriel N. Gee, Stephanie Gygax und Caroline Wiedmer bei TETI Press.